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Pretschener Spree und Krummspree`sche Region e.V.

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Erzählungen aus alter Zeit

Das Leinöl

Leinöl hat in unserer Region Tradition und ich konnte erfahren, daß es als Speiseöl in der Regel nur von Menschen geschätzt wird, die es in ihrer Kindheit geschmeckt haben.
Jedoch hat es auch unter jenen durchaus einen zwiespältigen Ruf. Mein Vater pflegte vom niederlausitzer Standardgericht "Weißkäse mit Leinöl" mit einigem Sarkasmus zu sagen: "Leinöl mit Quark macht stark, aber erst nach sieben Jahren".
Sicher bin ich mir nicht, ob die Geringschätzung, die im Satz liegt, nicht doch eher dem Gericht der kleinen Leute und seiner Wohlfeilheit geschuldet war. Milch, aus welcher der Weißkäse gemacht wurde und auch das Leinöl waren selbsterzeugt. Das Leinöl nebenher, gekoppelt an den Flachsanbau, der Tradition hatte und um der Fasergewinnung willen betrieben wurde. Neben Schmalz und Butter war das Leinöl das Speisefett der Region. Mit ihm wurden Plinse gebacken, mit ihm wurde der Weißkäse (Quark) angerichtet, er wurde zu den Pellkartoffeln mit Quark oder auch ohne letzteren gegessen, in Leinöl wurde die Brotscheibe, von den Erwachsenen mit Salz, von den Kindern mit Zucker, getunkt.
Einen Nachteil hat dieses Leinöl. Es wird schnell ranzig und schmeckt dann wirklich abscheulich. Das war es aber schon geraume Zeit. Mit dem Ölvorrat, wie auch mit allem anderen mußte hausgehalten werden, und so war das letzte Drittel eben ranzig, wenn es zum Verbrauch gelangte. Kein Wunder also, daß es ein ersehntes Ereignis ersten Ranges war, wenn es hieß: "Morgen fährt Onkel Otto in die Ölmühle". Zeitig am Morgen wurden dann die Pferde vor den Wagen gespannt, ein oder 2 Säcke Leinsamen aufgeladen und fort ging es zur Ölmühle.
Am Nachmittag wuchs die Spannung auf dem Hofe, alles wartete auf die Heimkehr der Leinölfuhre. Lange genug hatten wir das alte, ranzige Öl schmecken müssen. Er kommt, er kommt, erscholl der vielstimmige Kinderruf, wenn sich sein Fuhrwerk, vom Krähenberg herkommend, zeigte. Die Milchkanne mit dem frischen Öl wurde abgeladen und ins Haus gebracht. Alle setzten sich erwartungsvoll um den Tisch, vor sich eine leere Untertasse. Eine gute Portion des golden schimmernden und duftenden frischen Öles wurde auf die Teller gegossen. Wir Kinder erhielten dazu jedes einen Löffel Zucker. Jeder erhielt ein Stück Brot, welches er in das Öl und dann in den Zucker tunkte, um es im wirklichen Sinne essend zu genießen. Heute wurde nicht davon gesprochen: teile es dir ein! Heute wurde solange nachgefüllt, bis jeder genug hatte.
Mit dem Leinöl ist es wie mit den meisten Dingen: es ist gut und es kann schlecht sein, immer kommt es auf den Aspekt, das Detail an.

© Detlef Miethe, Schliebe